Auf der Fahrt von Hirosaki nach Shin-Aomori hatte ich schon Angst um meinen Anschluss. Wir warteten zweimal, erst um einen Express, dann um einen Güterzug in die Gegenrichtung passieren zu lassen, und erreichten meinen Umsteigebahnhof statt um 09:40 mit etwa 5 Minuten Verspätung! Und dann waren noch diverse Tourgruppen im Zug, die sich am Bahnsteig erstmal bei ihrem/r Fähnchenführer/in versammelten, statt sich zügig fortzubewegen. Aber dann klappte es doch problemlos.
Von hier ging es auf der erst am 26.3.2016 eröffneten Shinkansen-Strecke nach Shin-Hakodate-Hokuto. Diese Fahrt dauerte von 09:52 bis 10:58, also gerade mal 66 Minuten. Einen großen Anteil davon im Tunnel - Tunnels gibts ja viele, aber der Seikan-Tunnel ist nach zwei chinesischen U-Bahn-Linien der weltweit drittlängste. Er war 1988 als zu diesem Zeitpunkt weltweit längster für die schmale japanische Spur eröffnet worden, wurde aber damals schon im Hinblick auf eine mögliche Shinkansen-Nutzung gebaut. Das zahlte sich nun aus, neben Inspektionsarbeiten musste vor allem für beide Richtungsgleise jeweils eine dritte Schiene hinzugefügt werden. Gegen 10:12 tauchten wir in den Tunnel ein und gegen 10:37 waren wir drüben wieder im Tageslicht.

Hakodate liegt auf einer Halbinsel, man kann fast sagen, an einem Kap, und da der Shinkansen ja letztlich nach Sapporo geführt werden soll, wurde der Bahnhof Shin-Hakodate-Hokuto abseits der Stadt gebaut. Der Hakodate Liner legt die restliche Strecke in 16 Minuten zurück. Beim Halt Goryôkaku weist eine Durchsage darauf hin, dass man für den gleichnamigen Park besser bis Hakodate weiterfährt und von dort Tram oder Bus nimmt.

Die bei der Tourist Info angebotene “Hakodate Guide Map” ist nicht sehr übersichtlich. Durch den Versuch, alles auf ein A3-Blatt zu bekommen, gibt es nur Teilpläne für kleine Gebiete und Details zu den Sehenswürdigkeiten fallen flach. Aber ich wusste ja schon, die fünfspitzige Festung Goryôkaku ist eines meiner Ziele, diese ziert schließlich landesweit diverse JR East Werbeplakate für den neuen Hokkaido-Shinkansen. Zunächst lieferte ich mein Gepäck beim Hotel ab, das schon mal die Checkin-Formalitäten erledigte und eine Zimmernummer einplante.

Orientierungsplan Hakodate

Orientierungsplan Hakodate

Vom Hotel gehe ich zur nächsten Tramhaltestelle und fahre nach Goryôkaku-Koenmae, von dort sind es noch etwa 700m zu dem Park mit Turm. Skulpturen entlang der Straße sind mal lustig, mal rätselhaft.

Hakodate, nahe Goryôkaku: Skulpturen am Straßenrand

Hakodate, nahe Goryôkaku: Skulpturen am Straßenrand

Unterwegs kaufe ich mir beim Conbini noch etwas Verpflegung. Eine Kirschbaumallee später stehe ich dann vor dem Turm:

Hakodate, der Goryôkaku-Turm

Hakodate, der Goryôkaku-Turm

Klar, dass ich auch hochfahre (840 Yen). Es gibt sogar einen deutschen Flyer “Hauptdaten zum Goryokaku-Turm”. Daten zum Turm sucht man darin vergeblich, aber die im Turm dargestellten historischen Ereignisse rumd um Hakodate sind darin übersetzt.

Sieh da, es gibt eine All Japan Tower Association, damit sich die einzelnen Türme nicht so einsam fühlen.

Hakodate, Goryôkaku-Turm: All Japan Tower Association

Hakodate, Goryôkaku-Turm: All Japan Tower Association

Aber Runterschauen ist ja das eigentliche Ziel. So sieht sie also aus, die Festung. Nachdem der US-Admiral Perry die Öffnung des Landes erzwungen hat, wird auch der Hafen von Hakodate geöffnet. Ausländer gehen ein und aus. Ganz geheuer ist das dem Magistrat der Stadt nicht: bisher hat er seinen Sitz ganz vorne auf der Landzunge, wo ihn ein feindseliges Schiff leicht mit seinen Kanonen erreichen könnte. Ein Umzug ins Hinterland an eine befestigte Stelle ist der Grund, warum Goryôkaku hier nach dem Modell europäischer Festungsanlagen in dieser Sternstruktur mit einem dreieckigen Vorwerk 1857-1864 errichtet wird.

Und so sieht das ganze aus:

Hakodate, die Goryôkaku-Festung vom Turm aus gesehen

Hakodate, die Goryôkaku-Festung vom Turm aus gesehen

Die Kirschblüte der 1600 Bäume im Park auf der und um die Festung hat erst begonnen, zwar sind schon viele Blüten zu sehen, aber auch noch viele Knospen.

Diese Festung war 1869 Schauplatz des letzten Krieges zwischen den verbleibenden Shogunatstruppen und denen des neuen Meiji-Regimes.

Im darauffolgenden Jahr entwickelt sich ein neuer Industriezweig: der Festuingsgraben dient als Quelle für Eis, das zur Kühlung nach ganz Japan verschifft wird. Die letzte von 16 historischen Modellszenen illustriert diese Entwicklung:

Hakodate, Goryôkaku-Turm: Modellszene Eisgewinnung aus dem Wassergraben

Hakodate, Goryôkaku-Turm: Modellszene Eisgewinnung aus dem Wassergraben

Während die im Flyer auf deutsch abgedruckten Texte ohnehin auch auf Englisch angeschrieben sind, liefern zahlreiche leider rein japanische Schautafeln weitere geschichtliche Details und zeigen auch die handelnden Personen der Ereignisse.

Auch die weltweit verteilten vieleckigen Festungen, die vor Ort abgebildet sind, sind nur in Katakana beschriftet. “Doitsu: Myunsutaa” deutet auf Münster hin. Die dortige fünfzackige Zitadelle wurde schon etwa 100 Jahre nach ihrem Bau, 1764 wieder abgetragen.

Wie bei solchen Türmen üblich, landet man nach der ASuffahrt im Lift im oberen Aussichtsstockwerk, darunter ist dann ein Stockwerk mit Verkaufsständen, und nach der Abfahrt mit dem Lift findet man sich im 2F erneut in einem Shop- und Verpflegungsstockwerk wieder. Bei diesem Eisstand konnte ich nicht widerstehen und ließ mir ein Becherchen mit den Sorten Gianduia, Mango und “Northern Haskaop” zusammenstellen. Haskaop scheint was speziell japanisches zu sein, sieht aber ähnlich aus wie Heidelbeeren.

Hakodate, Goryôkaku-Turm: Eisauswahl im 2F

Hakodate, Goryôkaku-Turm: Eisauswahl im 2F

Das Festungsgelände wurde 1914 zum öffentlichen Park. Die Zahl der Kirschbäume wird mit 1600 angegeben, sie verteilen sich auf die Festung selbst und den Grünstreifen drumherum, wobei auf der Festung die unterschiedlichen Ebenen ein interessantes Bild ergeben.

Hakodate, Goryôkaku-Park: Kirschbäume auf mehreren Ebenen

Hakodate, Goryôkaku-Park: Kirschbäume auf mehreren Ebenen

Dieser hier ist dem kalten Wind stark ausgesetzt und hat seine Knospen noch kaum geöffnet:

Hakodate, Goryôkaku-Park: Kirschbaum mit Knospen

Hakodate, Goryôkaku-Park: Kirschbaum mit Knospen

Die archäologische Untersuchung der Goryôkaku-Festung erfolgte erst in jüngerer Vergangenheit ab 1985. Auf Basis der Erkenntnisse wurde ein Teil des Hakodate Bugyosho, also des Magistratsbüros, zwischen 2006 und 2010 wieder aufgebaut.

Hakodate, Goryôkaku-Park: das wiederaufgebaute Hakodate Magistrate’s Office (Bugyosho)

Hakodate, Goryôkaku-Park: das wiederaufgebaute Hakodate Magistrate’s Office (Bugyosho)

Einige der Räume enthalten Displays mit Darstellungen der geschichtlichen Abläufe. Leider hat man auch in dieser neuen Installation nur wenige Hauptpunkte auch auf Englisch übersetzt, etwa 90%, einschließlich der Beschriftung von Karten und Grafiken, ist nur auf japanisch verfügbar.

Besonders bizarr ist ein interaktives Element, wo zu jeder der etwa 20 historischen Personen ein kurzes Video abgespielt wird, wenn man die zugehörige Figur auf ein Feld setzt. Das einzig entlische daran ist die Beschriftung dieses Feldes “Please put here”. Die Namen der Personen sind in Kanji bzw. Kana angebracht und die Videos sind auf japanisch.

Hakodate, Goryôkaku-Park: das wiederaufgebaute Hakodate Magistrate’s Office, interaktives Display

Hakodate, Goryôkaku-Park: das wiederaufgebaute Hakodate Magistrate’s Office, interaktives Display

Auf dem Weg zurück zum Festungstor genieße ich nochmal die blühenden Kirschbäume.

Hakodate, Goryôkaku-Park: Kirschbäume

Hakodate, Goryôkaku-Park: Kirschbäume

Die Trambahn bringt mich in das Viertel unterhalb des Mount Hakodate. Ein Kanaldeckel weist neben Goryôkaku auf eine weitere Sehenswürdigkeit hin, die ich gerade ansteuere.

Hakodate, farbiger Kanaldeckel

Hakodate, farbiger Kanaldeckel

Das Viertel ist bekannt für die “Slopes”, eine Reihe paralleler Straßen die alle steil bergauf führen, und für diverse Kirchen, die bald nach der Landesöffnung von den jeweiligen ausländischen Gläubigen erbaut wurden.

Ein Großbrand 1907 vernikchtete 12000 Häuser einschließlich des Rathauses von Hakodate Ward. Als Ersatz wurde 1910 die Old Public Hall mit Spendengeldern der Bürger errichtet.

Hakodate, Old Public Hall of Hakodate Ward

Hakodate, Old Public Hall of Hakodate Ward

Das Haus hatte zweimal Besuch aus dem Kaiserhaus: schon 1911 übernachtete hier Kronprinz Yoshihito (der spätere Taisho-Kaiser) und 1922 Kronprinz Hirohito (der spätere Showa-Kaiser). Viele Räume sind mit der historischen Einrichtung museal aufbereitet, der Saal im Obergeschoss wird für etwa 20 Konzerte pro Jahr aktiv genutzt.

Dieses Gästezimmer wurde vom kaiserlichen Besuch genutzt:

Hakodate, Old Public Hall of Hakodate Ward, Gästezimmer

Hakodate, Old Public Hall of Hakodate Ward, Gästezimmer

Vom Balkon des Festsaals hat man einen schönen Blick:

Hakodate, Old Public Hall of Hakodate Ward, Blick vom Balkon

Hakodate, Old Public Hall of Hakodate Ward, Blick vom Balkon

Nun wurde es aber Zeit, ich wollte noch auf den Berg hinauf, der den schönsten Blick überhaupt haben soll. Unweit der Ecke, wo ich schon war, zeigte die Karte einen Wanderweg zum Gipfel. Warum also unten den ebenfalls langen Weg zur Seilbahn antreten, wenn ich auch gleich zu Fuß gehen kann. Der Weg war gut markiert und gangbar, nur die nahemde Dunkelheit könnte das ganze ungemütlicher machen.

Hakodate, Kannon Course zum Berggipfel

Hakodate, Kannon Course zum Berggipfel

Der Gipfel war vor allem eines: überfüllt. Auf meinem Fußweg kreuzte ich ein paarmal die Fahrstraße, und neben dem Linienbus waren auch zahlreiche Tourbusse unterwegs, ihren Leuten diesen einzigartigen Nachtblick zu ermöglichen. So kann er aussehen, leider ein bisschen verwackelt:

Hakodate, nächtlicher Blick vom Mount Hakodate

Hakodate, nächtlicher Blick vom Mount Hakodate

Mit dem Linienbus bin ich dann auch runtergefahren, praktischerweise hatte mein Kokusai Hotel sogar seine eigene Haltestelle vor der Tür.